Nachts, wenn alle im Haus schlafen, entstehen die ehrlichsten Familienszenen. Ein leises Tapsen über den Flur, die Schlafzimmertür öffnet sich, ein kleiner Körper kriecht ins Elternbett und sucht Nähe. Manche Familien finden das schön, andere finden es anstrengend, die meisten empfinden beides gleichzeitig. Und irgendwo dazwischen steht die große Frage: Wie viel Nähe braucht ein Kind? Und ab wann ist es gut, es zur Selbstständigkeit zu begleiten?
Nähe suchen ist kein Fehler!
Kleine Kinder schlafen instinktiv dort, wo Sicherheit ist. Das ist biologisch nachvollziehbar und auch historisch logisch. Für Kinder ist Dunkelheit ein unsicherer Raum: Geräusche, Stille, fehlende Orientierung. Nähe ist eine Art innerer Kompass. Wenn sie nachts ins Elternbett kommen, dann nicht, weil sie „verwöhnt“ sind oder „lernen müssen, allein zu schlafen“, sondern weil sie sich nach Sicherheit sehnen und weil Sicherheit im Schlaf ein Grundbedürfnis ist.
Trotzdem bleibt der Wunsch vieler Eltern: Wir wollen, dass unsere Kinder selbstständiger werden. Nicht nur nachts, sondern auch tagsüber. Nicht, weil es einfacher ist, sondern weil Selbstständigkeit die Basis dafür ist, irgendwann alleine in der Welt klarzukommen.
Der elterliche Instinkt, es unkompliziert zu machen
Viele Eltern kennen das: Man will seinen Kindern den Weg bereiten. Man schützt sie, man räumt Hindernisse aus dem Weg, man verhindert Fehler. Das ist menschlich und liebevoll - aber für die Entwicklung des Kindes nicht immer hilfreich.
Wenn ein Kind nie scheitern darf, nie frustriert sein darf, nichts ausprobieren muss, verliert es die Chance, seinen eigenen Muskel für Hartnäckigkeit, Problemlösung und Zuversicht zu entwickeln. Das gilt fürs Zubinden von Schuhen genauso wie für das Einschlafen (und Durchschlafen!) im eigenen Bett.
Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass wir Kinder „ins kalte Wasser werfen“ - sondern durch das kontrollierte, liebevolle Stück-für-Stück-Zutrauen.

Kinder brauchen Herausforderungen im guten Sinn
Wenn eure Kinder nachts in euer Bett rüberkommen, kann man ziemlich viel über ihr Entwicklungsstadium ablesen: Manche wollen Nähe, manche brauchen Orientierung, manche testen aus. Der Punkt ist: Man kann ihnen helfen, mutiger zu werden, ohne ihnen die Schlafzimmertür vor der Nase zuzumachen.
Ein Beispiel: Wenn ein Kind nachts kommt, kann man gemeinsam mit ihm überlegen:
- Was macht dir Angst?
- Was würde dir helfen, in deinem Bett zu bleiben?
- Welche Strategien können wir gemeinsam probieren?
Nicht, um das Kind zu „trainieren“, sondern um es in die Verantwortung zu holen. Kinder können sehr gut mitdenken, wenn man sie ernst nimmt.
Fehler zulassen, Frust aushalten
Selbstständigkeit braucht die Erfahrung von Fehlern. Und die braucht wiederum Eltern, die Enttäuschung nicht sofort wegräumen wollen. Wenn etwas nicht auf Anhieb gelingt, könnt man gemeinsam überlegen: „Das ist okay, sowas passiert. Was könnte nächstes Mal besser oder anders funktionieren?“
Kinder lernen durch das gemeinsame Überlegen Entscheidungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit - zwei Dinge, die sie später beim Einschlafen genauso brauchen wie bei Freundschaften, Konflikten oder Projekten in der Schule.
Begrenzte Wahlmöglichkeiten
Kinder sind von offenen Fragen wie „Was möchtest du heute Abend essen?“ schnell überfordert. Wenn man ihnen stattdessen zwei Optionen gibt, dann funktioniert das oft besser: „Reis oder Nudeln?“ „Lieber die blaue oder die grüne Hose heute?“ „Erst auf den Spielplatz oder erstmal nach Hause?“
Auch abends kann das helfen: „Willst du in deinem Bett einschlafen und rufst, wenn du uns brauchst - oder willst du kurz kuscheln und dann wieder rübergehen?“ Kinder erleben Verantwortung in kleinen sicheren Portionen, nicht ausgesetzt in einem großen Raum.
Raum geben ohne Daueraufsicht
Viele Kinder kommen nachts, weil sie tagsüber kaum Gelegenheit haben, Dinge selbstständig zu tun. Selbstständigkeit wächst bei Kindern, wenn wir ihnen den Raum geben, Dinge alleine zu machen. Jede kleine Sache, die sie alleine machen dürfen, führt zu sichtbaren Veränderungen. Das müssen gar keine großen Dinge sein: Allein die Kleidung für den nächsten Tag raussuchen und sich alleine anziehen sind Dinge, die bei Kids die Selbständigkeit stärken und die wir als Erwachsene ohne Stress gut zulassen können.
Der Haushalt als Übungsort
Kinder wollen helfen. Nicht nur, weil wir sie zu hilfsbereiten Menschen erziehen. Sondern weil Mitmachen ihnen Bedeutung gibt. Kleine Aufgaben im Haushalt schaffen Selbstwirksamkeit. Das kann schon die kleinste Beteiligung sein: Tisch decken, Wäsche sortieren, Pflanzen gießen.
Kinder, die tagsüber Verantwortung erleben, trauen sich auch nachts eher zu, eigene Lösungen zu finden, bevor sie ins Elternbett wandern.

Und nachts konkret?
Wie kann man das alles auf die kindlichen Nachtwanderungen übertragen?
Ein paar praktische Ideen:
💤 Vorbereitung: Rituale schaffen Orientierung!
💤 Planung: Welche Strategien gibt es, bevor das Elternbett als Lösung herhalten muss?
💤 Zwischenlösungen: eine Matratze neben dem Elternbett, Kuscheltiere, Nachtlicht, Hörbuch
💤 Langsames Zurückbauen: Nähe nicht abrupt kappen, sondern langsam zurück bauen
💤 Kommunikation am Tag: Nachtprobleme tagsüber besprechen, nicht nachts verhandeln
Das Ziel ist nicht, dass euer Kind ab heute komplett alleine schläft. Das Ziel ist, dass euer Kind sich kompetent genug fühlt, es zu versuchen.

Elternbett ist auch Beziehung
Es gibt Phasen, in denen Nähe wichtiger ist als Selbstständigkeit. Schlafregression, Trennungsphasen, Umzüge, Geburt eines Geschwisters, Kita- oder Schulstart. Das alles (und noch viel mehr) sind Situationen, in denen es völlig normal und in Ordnung ist, wenn euer Kind nachts die Nähe zu euch sucht. Diese nächtliche Nähe ist ein Bedürfnis nach Sicherheit und Verbundenheit, nicht primär ein „Problem“ oder ein Zeichen von verwöhnt sein. Selbstständigkeit wächst nicht linear. Sie wächst in Wellen.
Was bleibt?
Wenn Kinder nachts kommen, zeigen sie uns nicht, was sie nicht können, sondern woran sie noch wachsen. Manchmal braucht ein Kind unseren Arm und manchmal braucht es einfach nur die Erlaubnis, es selbst alleine zu versuchen.
Wer sein Kind zur Selbstständigkeit begleiten will, braucht Geduld, Mut zum Loslassen und die Fähigkeit, Frust auszuhalten - bei sich selber und bei den Kindern.
Ja: Es wird Nächte geben, in denen wieder kleine Füße durchs Schlafzimmer tapsen. Das gehört dazu. Wichtiger ist, was am Ende dabei rauskommt: Ein Kind, das sich zutraut, alleine zu schlafen. Und später alleine durchs Leben zu gehen.















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