Emotionsregulierung bei Kindern - wie Gefühle Halt finden dürfen

Emotionsregulierung bei Kindern - wie Gefühle Halt finden dürfen

Kinder fühlen intensiv. Viel intensiver, als wir Erwachsenen das oft tun. Oder intensiver, als wir es uns erlauben. Freude ist überschwänglich, Wut laut, Trauer bodenlos. Das ist kein Zeichen von fehlender Erziehung oder mangelnder Frustrationstoleranz, sondern Ausdruck eines Nervensystems, das noch im Aufbau ist. Emotionsregulierung ist nichts, was Kinder von heute auf morgen können. Sie müssen die Regulierung erstmal lernen. Und das tun sie vor allem im Kontakt mit uns und mit ihrer Umgebung. 

Was Emotionsregulierung eigentlich bedeutet

Emotionsregulierung heißt nicht, Gefühle zu unterdrücken oder „sich zusammenzureißen“. Es geht darum, innere Zustände wahrzunehmen, einzuordnen und mit ihnen umgehen zu können. Ein Kind, das wütend ist und tobt, ist nicht außer Kontrolle, sondern überfordert. Sein Gehirn ist in diesem Moment im Alarmmodus. Die Bereiche, die für Sprache, Logik und Selbststeuerung zuständig sind, sind in dem Moment einfach nicht erreichbar. 

Deshalb helfen Sätze wie „Jetzt beruhige dich doch mal“ meistens niemandem. Kinder können sich nicht selbst regulieren, solange sie emotional überflutet sind. Was sie brauchen, ist Co-Regulation: einen Erwachsenen, der ruhig bleibt, Orientierung gibt und Sicherheit ausstrahlt. 

Warum manche Kinder schneller kippen als andere

Nicht alle Kinder reagieren in ähnlichen Situationen gleich. Temperament, Tagesform, Schlaf, Reizüberflutung, Übergänge - all das spielt eine Rolle. Ein Kind, das den ganzen Tag Eindrücke sammelt, Geräusche filtert, Erwartungen erfüllt und Grenzen austestet, hat abends oft einfach nichts mehr übrig. Gefühle kommen dann ungefiltert raus. Besonders zu Hause, wo Kinder sich in der Regel besonders sicher fühlen. 

Das ist kein Zufall. Zuhause ist der Ort, an dem Kinder loslassen können. Wo sie nicht funktionieren müssen. Wo Emotionen Platz haben dürfen. 

Regulation beginnt im Körper

Ein wichtiger, oft unterschätzter Punkt: Emotionsregulierung ist körperlich. Bevor Kinder Worte für ihre Gefühle finden, brauchen sie Bewegung, Druck, Nähe oder Rückzug. Schaukeln, klettern, sich verkriechen, laut sein oder ganz still werden - all das sind Versuche des Körpers, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. 

Gerade deshalb ist es wichtig, Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Gefühle über den Körper auszudrücken, ohne sie sofort zu stoppen oder zu korrigieren. Ein wütendes Stampfen, wildes Klettern oder festes Einrollen in eine Decke sind keine Eskalation, sondern Versuche des Nervensystems, Spannung abzubauen. Wenn Erwachsene diese Signale lesen können, verändert sich der Blick: weg vom „Problemverhalten“, hin zu einem sinnvollen Regulationsversuch. Kinder, die sich körperlich regulieren dürfen, finden oft schneller zurück in einen ruhigen Zustand. Erst danach wird überhaupt Raum frei für Worte, Erklärungen oder gemeinsames Nachdenken.

Das Bett als sicherer Ort

Ein Bett ist für Kinder viel mehr als nur ein Ort zum Schlafen. Es kann ein Rückzugsort sein, eine Höhle, eine Ruheinsel. Gerade Hoch- und Abenteuerbetten bieten Kindern oft die Möglichkeit, sich abzugrenzen: oben ist die Welt kleiner, überschaubarer. Unten entsteht ein geschützter Raum, der Sicherheit vermittelt. 

Viele Kinder regulieren sich instinktiv im Bett. Sie ziehen sich zurück, kuscheln sich ein, bauen sich kleine Nester aus Kissen und Decken. Das ist kein „Rückzug aus der Realität“, sondern ein sehr kluger Selbstschutz. Ein Bett, das dafür Raum lässt, kann Kinder in emotionalen Momenten auffangen. 

Begleiten statt bewerten

Emotionsregulierung lässt sich nicht antrainieren. Sie wächst mit Erfahrung. Kinder brauchen Erwachsene, die Gefühle benennen, ohne sie zu bewerten. „Du bist gerade sehr wütend, das sehe ich.“ Punkt. Keine Analyse, kein Lösungsdruck. Allein das Benennen von Gefühlen kann für Kinder schon sehr entlastend sein. 

Später, wenn das Kind wieder erreichbar ist, kann man gemeinsam überlegen: Was hat dir geholfen? Was brauchst du beim nächsten Mal? So entsteht nach und nach ein inneres Werkzeug, das Kinder irgendwann selber nutzen können. 

Schlaf, Sicherheit und emotionale Stabilität

Guter Schlaf ist kein Luxus, sondern Grundlage für emotionale Stabilität. Übermüdete Kinder haben weniger Ressourcen zur Regulation. Ein verlässliches Abendritual, ein vertrauter Schlafplatz, ein Bett, in dem sich das Kind sicher fühlt - all das wirkt präventiv. Nicht gegen Gefühle, sondern für einen besseren Umgang mit ihnen. 

Deshalb ist es kein Zufall, dass viele emotionale Themen abends oder nachts hochkommen. Der Tag ist vorbei, die Kontrolle lässt nach. Das Bett wird dann oft ein Ort, an dem alles raus darf. Wenn dieser Ort Sicherheit ausstrahlt, fällt auch das Regulieren leichter. 

Gefühle brauchen Raum

Kinder müssen nicht robust gemacht werden, indem man sie alleine lässt. Sie werden stark, wenn sie erfahren: Meine Gefühle sind okay. Ich werde gesehen. Ich bin nicht zu viel. Ein Zuhause, das das widerspiegelt, ist eine leise, aber sehr wirksame Unterstützung. 

Und genau diese Erfahrung entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Beziehung. Durch Erwachsene, die nicht immer alles richtig machen, aber bereit sind, dazubleiben. Durch Räume, die Sicherheit ausstrahlen, statt zu überfordern. Wenn Kinder spüren, dass sie mit ihren Gefühlen einen Platz haben, wächst innere Stabilität fast unbemerkt.

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